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Sabine Muhl
Sabine Muhl

Geschäftsstelle

Rede des Debattenantrags: "Wie viel oder wie wenig Teilhabe gelingt uns in Wandsbek?" bei der Bezirksversammlung am 17. Juni 2021

Die Rede im Wortlaut unserer Bezirksabgeordneten Sabine Muhl zum Debattenantrag der Linksfraktion "Wie viel oder wie wenig Teilhabe gelingt uns in Wandsbek?" bei der Bezirksversammlung am 17. Juni 2021.

Die Pandemiebedingungen haben für die meisten die eingeübten Muster und Lebensgewohnheiten mehr oder weniger drastisch verändert, eingeschränkt oder auch unmöglich gemacht.


Wie schwer hatten und haben es da Menschen mit Behinderung?
Jene, die ohnehin schon immer mit vielen Beschränkungen, bis hin zur Nichtteilnahme am öffentlichen Leben leben mussten? Das kann man sich kaum vorstellen. Zunächst glaubt man, ach, das betrifft mich nicht, ich kann ja lesen, gehen, sehen usw. Ja, solange das „Leben funktioniert“, der Aufzug für den Koffer an der Bahn in Betrieb ist und man nicht weite Umwege in Kauf nehmen muss oder unverständliche Bedienungsanleitungen lesen muss – dann läuft es.
Für viele eben nicht.

Inklusion rückte in den letzten Jahren stärker in den Fokus. Das ist auch gut so. Aber was meint der Begriff eigentlich? Worin besteht der Unterschied zur Integration? Es gibt unterschiedliche Ziele in der Konzeption. Integration bedeutet, dass man verschiedene Räume schafft, in denen sich etwas Neues entfalten kann. Die Grundstruktur des gesellschaftlichen Systems ändert sich nicht. Es bleibt ein Nebeneinander.

Inklusion geht von einem anderen Ansatz aus. Hier gilt es das Andere und die kleinere Gruppe (egal welche Gruppe) in das „Größere“ einzubeziehen, so dass es von vornherein keine Ausgrenzung gibt. Das ist eine große gesellschaftliche Herausforderung.

Googeln Sie gern eine Grafik unter www.inklusion-verein.de -alles auf einen Blick erklärt. Die Sitzung heute wird live gestreamt – wie funktioniert dies für Hörgeschädigte ohne Gebärdendolmetscherin? Dann bleibt wohl nur Lippenlesen? Schriftdolmetschen gibt es auch bisher nur in den entsprechenden Ausschüssen, in der Bezirksversammlung habe ich bisher nichts gesehen. Hier ist mehr technischer Einsatz notwendig. Die Untertitelfunktion bei youtube mal außen vor gelassen.

Projektmittel sind ausgelaufen, neue nicht in Sicht. Wenn also Ressourcen nur endlich zur Verfügung stehen, muss man kreativ werden. Dass das geht hat das letzte Jahr deutlich gezeigt. Manches scheinbar Unmögliche wurde doch möglich. Wenn die Politik will oder eben muss.

Warum also nicht vorhandene Ressourcen im Bezirksamt nutzen? Man könnte Mitarbeitende schulen, nicht nur standardsprachliche Texte zu erstellen, sondern auch solche in Leichter oder Einfacher Sprache, auch als bürgernahe Sprache bekannt. Könnte man nicht mehr und verstetigt in einen Dialog treten mit den Vertretenden aus dem Inklusionsbeirat, der Verwaltung, den Fraktionen?

In Hamburg gelten knapp 7% aller Menschen als schwerbehindert, also mindestens ein Grad der Behinderung von 50 aufwärts. Eine heterogene Gruppe, mit körperlichen oder kognitiven Behinderungen, mit Sinnesbehinderungen, jüngere und ältere Menschen. Bei den barrierefreien Wahllokalen ergab die Auskunft des Bezirksamts magere 11% für uns in Wandsbek –beschämend wenig wie ich finde. Da geht mehr!

Auch die Website des Bezirksamts ist nicht barrierearm aufgebaut, der Button für eine Übersetzung in Leichte Sprache funktioniert nicht im Sinne einer barrierefreien Kommunikation. Aufbau, Typografie der Texte, da passt vieles nicht zusammen.

Unser Petitum heute dreht sich auch um ein Projekt mit Alleinstellungsmerkmal:

Die Idee für die Toilette-für-Alle hat Vorbildcharakter. Es gibt in Hamburg keine einzige Anlage dieser Art, die in 2 Varianten erhältlich ist, zum einen als Mietcontainer (Tagessatz 199,-), Wochensatz bis ca. 500,- -oder zum anderen die Kaufvariante (ca. 50.000 ).

Er könnte neben dem Corona Testzelt auf dem Wandsbeker Marktplatz stehen, braucht nur 12 qm Stellfläche. Er würde Menschen mit komplexen Behinderungen, die auf eine Liegefläche angewiesen sind und demzufolge öffentliche normale Behindertentoiletten nicht nutzen können, eine Teilhabe am öffentlichen Leben erst ermöglichen. Umfragen ergaben, dass die Nutzerinnen einen Fussweg, Rollweg von bis zu 15 Minuten in Kauf nehmen würden.

Bisher war der Preis für Menschen mit BEhinderungen, wenn keine geeigneten sanitären Anlagen vorhanden sind, eben nicht teilhaben zu können. Die Anlage im Bezirksamt ist auch nur zu Öffnungszeiten zugänglich.

Oder es bleibt nur die wenig würdevolle Variante, dass Erwachsene auf dem Fußboden einer öffentlichen Toilette gewickelt werden müssen.

Pflegebedürftigkeit, Behinderungen – all das betrifft jeden von uns, wenn nicht aktuell heute, dann statistisch gesehen wahrscheinlich später. Nur 4% aller als schwerbehindert anerkannten Menschen werden mit diesem Status geboren.

Das heißt im Umkehrschluss, 96% erwerben es im Laufe des Lebens durch Erkrankung oder Unfall, das Blatt kann sich binnen Sekunden drehen und dann betrifft es einen doch.

„Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“

Lassen Sie uns in Wandsbek Vorbild und Vorreiter für Inklusion werden.

Vielen Dank.

 

17.6.2021 - es gilt das gesprochene Wort